Kiron: "Ich bin aus Liebe nach Deutschland gekommen."

Juli 2017. Flüchtlinge, die studieren möchten, sehen sich vielen Hindernissen gegenüber. Fehlende Dokumente, unklarer Aufenthaltsstatus und Sprachbarrieren erschweren den Weg an die Hochschule. Die Online-Bildungsplattform Kiron Open Higher Education hilft Flüchtlingen, diese Barrieren zu überwinden und ein Studium zu beginnen oder eine unterbrochene Hochschulausbildung fortzusetzen. Gelernt wird online mit Kiron und zahlreichen Bildungspartnern. Kiron Studenten ohne eigenen Computer können in lokalen Studienzentren auf die Online Inhalte zugreifen oder bei Bedarf einen Laptop als Leihgabe von Kiron erhalten. 

Lesen Sie hier die Geschichte von Ani, die wegen ihrer sexuellen Orientierung aus ihrer Heimat fliehen musste und dank Kiron ihr Informatik-Studium fortsetzen kann. 

Ani*

Ich bin ein Mädchen, das Glück gehabt hat. Ein Spaßvogel, der Musik liebt, aber nicht weiß wie man tanzt! Mein Name ist Ani. Ich bin aus Indonesien, von der Insel Sulawesi. Ich musste mein Heimatland verlassen, weil ich mich in eine Frau verliebt habe. Ich bin aus Liebe nach Deutschland gekommen. Es ist eine lange Geschichte. Wir sind zusammen aus Indonesien geflohen, weil es so ein strenges Land ist, indem die gleichgeschlechtliche Liebe nicht akzeptiert wird. Deswegen mussten wir fliehen. Wir haben uns bei einer Sonnenfinsternis kennengelernt. Das war sehr romantisch. Als wir uns verliebten, studierte ich Informatik und arbeitete in einem Reisebüro. Ich konnte es jedoch meiner Familie nicht erzählen. Mein Vater ist bei der Polizei und meine Tante arbeitet für die Einwanderungsbehörde, und ich habe in der ganzen Stadt Familie. Sie haben es natürlich herausgefunden! Ich hatte bereits die Papiere beantragt, um das Land zu verlassen, als meine Tante mir auf die Schliche kam. Sie hat meine geheime Facebook-Seite überprüft. Ich habe zwei Facebook-Profile, um meine heimliche Identität zu verstecken. Aber meine Tante entdeckte, dass ich eine Beziehung zu einer Frau habe. Das war sehr schwierig! Ich habe noch einmal mit meiner Familie gesprochen, bevor ich das Land verließ, damit habe ich bis nach dem Abendessen gewartet. Ich versuchte, es ihnen zu erklären, aber sie waren einfach nur wütend.

Ich habe auch heute noch Kontakt mit ihnen - ich erzähle ihnen, dass ich hier glücklich bin, dass ich studiere, und dass es mir gut geht. Aber für sie ist es schwer zu verstehen. Wenn ich mit ihnen rede und meine Freundin im Raum ist, kippt die Stimmung sofort, und das ist nicht immer einfach. Das verursacht jede Menge Spannungen, nicht nur zwischen meiner Familie und mir, sondern auch zwischen uns als Paar. Ich vermisse meine Zwillingsschwester ganz schrecklich. Vielleicht kann sie mich besser verstehen, eben weil wir Zwillinge sind. Wir wollen uns auch einmal treffen, aber nicht in Indonesien, sondern in Malaysia. Denn ich kann nicht zurück in mein Heimatland. Ich habe Angst, dass meine Familie mich erwischt. Zu Hause liegen sie auf der Lauer. Meine Familie sucht nach mir. Wenn sie mich finden, stecken sie mich in die Psychiatrie, wo ich Hypnose und Psychotherapie machen müsste, denn sie glauben, dass Homosexualität eine Krankheit ist.

Ich war 21, als ich nach Deutschland gekommen bin – ich bin jetzt seit fast einem Jahr in Berlin. Ich mag die Stadt. Mein Lieblingsort ist der Flohmarkt am Mauerpark, wo es jede Menge Street Food gibt. Ich bin glücklich hier, und ich habe Kiron gefunden. Als ich zum ersten Mal im Internet gesurft habe, habe ich darüber gelesen und mich sofort angemeldet. Es war ganz einfach und cool. Ich konnte aussuchen, was ich studieren möchte. Jetzt studiere ich Informatik mit Kiron. Ich bin so froh, weil ich durch das Projekt Reconnect einen Computer bekommen habe. Der Laptop ist sehr nützlich, um online zu lernen. Bei Kiron habe ich Freunde gefunden, die mich unterstützen. Deswegen bin ich ein Mädchen, das Glück gehabt hat! Eines Tages will ich meine eigene Firma haben, eine Firma, die Menschen hilft - wie Kiron es tut. Zu Hause in Indonesien habe ich bereits in meiner Gemeinde ausgeholfen. Ich habe älteren Menschen und Leuten vom Land geholfen, Englisch zu lernen. Ich mag es, anderen zu helfen. Meine Freunde sagen mir immer, dass ich Sozialarbeit studieren soll. Aber das will ich nicht. Ich bin fasziniert von Informatik. Du kannst Dinge die du dir vorstellst, Wirklichkeit werden lassen! Deshalb möchte ich eines Tages mein eigenes soziales Startup gründen - oder ich arbeite irgendwann für Kiron und mache es noch großartiger, als es ohnehin schon ist.

 

Das Interview führte Flora Roenneberg, Kiron Open Higher Education. 

 

*Name von der Redaktion geändert