Kiron: "Alle menschlichen Herzen sprechen dieselbe Sprache."

Juli 2017. Flüchtlinge, die studieren möchten, sehen sich vielen Hindernissen gegenüber. Fehlende Dokumente, unklarer Aufenthaltsstatus und Sprachbarrieren erschweren den Weg an die Hochschule. Die Online-Bildungsplattform Kiron Open Higher Education hilft Flüchtlingen, diese Barrieren zu überwinden und ein Studium zu beginnen oder eine unterbrochene Hochschulausbildung fortzusetzen. Gelernt wird online mit Kiron und zahlreichen Bildungspartnern. Kiron Studenten ohne eigenen Computer können in lokalen Studienzentren auf die Online Inhalte zugreifen oder bei Bedarf einen Laptop als Leihgabe von Kiron erhalten. 

Wie Mohammed und Ani, die Ihnen in den letzten Tagen ihre Geschichten erzählt haben, studiert auch Achmed mit Kiron und berichtet nun von seiner Flucht, seiner Familie und seinem neuen Leben in Deutschland. 

Achmed

Ich heiße Achmed, aber werde von allen Med genannt. Ich komme aus Damaskus, aber ich fühle mich als Weltbürger. Bevor ich aus Syrien geflohen bin, studierte ich Bio-Mechanik und englische Literatur und arbeitete für das Rote Kreuz und das Gesundheitsministerium. Da es mir nicht erlaubt war, das Land zu verlassen, musste ich fliehen. 2015 bin ich gegangen. Meine Familie ist immer noch in Syrien. Mein Vater wurde verhaftet. Er war Schreiner. Meine Mutter ist jetzt auf sich allein gestellt. Auch mein kleiner Bruder, der erst 15 ist, wurde auf dem Weg von der Schule nach Hause verhaftet. Mein zweiter Bruder wohnt mit seiner Frau, einer Krankenschwester, und ihrem neugeborenen Sohn in einem Teil von Damaskus, der von den Rebellen kontrolliert wird - sie dürfen ihn nicht verlassen. Es ist sehr schwierig.

Ich kam über die Türkei, dann mit dem Boot nach Lesbos, dann Athen, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien, Salzburg und schließlich München. Der Prozess des Asylantrags war sehr schwierig und zäh. Zuerst landete ich in Eisenhüttenstadt, das ist bei Frankfurt an der Oder. Dort wurde ich mit jeder Menge Rassismus und Angst konfrontiert- und mit jeder Menge deutscher Bürokratie. Dann kam ich nach Schwedt - das liegt irgendwo im Nirgendwo. Wenn man in einer Turnhalle lebt, hat man allerdings weder Computer noch Internetzugang. Online zu lernen war also sehr schwierig. Ich hatte dann das Glück, von Kiron über das Projekt Reconnect einen Laptop zu bekommen. Der hilft mir nun beim Lernen. Gerade mache ich Deutschkurse bei Kiron. Das ist sehr nützlich! Kiron ist etwas Gutes. Es bedeutet lernen und es bedeutet Flexibilität. Ich träume davon, zu studieren und Prüfungen zu bestehen, um eines Tages für eine große Firma arbeiten zu können. Ein Unternehmen, das Produkte für medizinischen Bedarf vertreibt. Kiron hilft mir, diesem Traum zu folgen.

Heute lebe ich in Eberswalde. Das liegt bei Berlin. Ich mag Berlin. In den Straßen von Berlin sind Menschen einfach nur Menschen, ohne verrückte Gedanken oder Vorurteile. Ich werde nicht schräg angeschaut und fühle mich nicht komisch. Ich hasse Vorurteile, aber ich denke, dass Menschen Schubladen brauchen, in denen sie denken können. Die Geschichte über die Berliner Mauer hat mich dazu gebracht, viel über Grenzen, Zäune und über Trennung nachzudenken. Ich hasse Mauern und Grenzen! Es ist schwer, dieses neue Leben. Meine Verwundung heißt Krieg. Du versuchst, nach vorne zu schauen, aber der Krieg ist immer da, er ist immer an deiner Seite und du kriegst ihn einfach nicht aus deinem Kopf. Er ist wie ein Vorhang, den du nicht heben kannst und der die Realität und die Gegenwart verschleiert.

Zur Zeit habe ich einen ziemlichen Sprachsalat in meinem Kopf. Deutsch, Englisch und so viele andere Sprachen. Ich habe Leute aus vielen verschiedenen Ländern getroffen, aus Afghanistan, aus Pakistan und aus anderen Ländern. Aber ich bin mittlerweile ziemlich gut in Körpersprache - man lernt zu reden, ohne Worte zu benutzen. Alle menschlichen Herzen sprechen dieselbe Sprache. Für diese Welt wünsche ich mir, dass Menschen wirklich menschlich sein können.

 

Das Interview führte Flora Roenneberg, Kiron Open Higher Education.